Interview: Warum XING den besten“digitalen Staubsauger von Stellenanzeigen“ gekauft hat

Interview mit der Jobbörsen-Koryphäe Gerhard Kenk von Crosswater zu den Gründen der Übernahme von Jobbörse.com (vormals ICjobs.de) durch XING.

 

Hallo Gerhard,

vielen Dank, daß Du als Gesprächspartner für die Einordnung dieser Übernahme zur Verfügung stehst. Mit 15 Jahren Erfahrung im Jobbörsenmarkt und seit einigen Jahren mit Crosswater einer der Initiatoren hinter „Deutschlands Beste Jobportale“ bringst Du enorm umfangreiche Kenntnisse für dieses Thema mit und die Recruiter Community freut sich, daß Du bereit bist, Dein Wissen zu teilen. Dann lass uns gleich mal starten:

 

  1. Hat Dich die Übernahme überrascht oder hast Du mit etwas ähnlichem gerechnet?

Eigentlich hat mich die Übernahme überrascht – damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Aber da ich kein Freund von Übernahme-Gerüchten und entsprechenden Vorhersagen bin, lehne ich mich eher etwas zurück und warte gelassen ab, bis wirklich etwas am Markt passiert. Ein eher abschreckendes Beispiel im Übernahme-Hype lieferte Ex-CEO Sal Iannuzzi mit Monster Worldwide ab. Er ließ von Investment-Bankern das weltweit operierende Karriereportal durchleuchten, kündigte dann öffentlich an, Monster sei in Teilen oder als Gesamteinheit zu verkaufen – die kapitalkräftigen Interessenten mögen sich doch bitte in der Warteschlange einreihen. HR-Blogger und Marktvisionäre überboten sich mit Vermutungen, am Ende des Tages entschied sich beispielweise der kapitalstarke japanische HR-Konzern Recruit Ltd. für den Kauf von Indeed.com, einer hochentwickelten Jobsuchmaschine und zeigte dem Übernahmekandidaten Monster die kalte Schulter. Der HR-Blogger denkt, der Investor lenkt.

  1. Vielleicht für unsere Leser, die den Begriff Jobsuchmaschine nicht so gut kennen, könntest Du kurz erläutern wie eine Jobsuchmaschine funktioniert und was sie von einer Jobbörse unterscheidet?Eine Jobsuchmaschine durchsucht das World Wide Web nach Stellenangeboten, die auf den Karriereseiten von Arbeitgebern oder anderen Jobportalen zu finden sind. Die Ergebnisse dieser Suche werden im Jobsuchmaschinen-Index gesammelt und können Online abgefragt werden. Im Gegensatz zu allgemeinen Suchmaschinen wie z.B. Google, Bing usw. erkennen Jobsuchmaschinen anhand eines Algorithmus, ob eine bestimmte Webseite ein Stellenangebot enthält oder nicht. Nur Webseiten mit Stellenangeboten werden durch Jobsuchmaschinen indiziert.

Im Index der Jobsuchmaschinen werden lediglich die Extrakte der Suchanalyse zusammen mit der Fundstelle der Stellenanzeige (URL) gespeichert und auf der Trefferliste angezeigt. Durch die Verlinkung der URL wird der Nutzer direkt auf die Original-Quelle der Stellenanzeige weitergeleitet.

Dieser “Click-Through” bildet die Grundlage des Geschäftsmodells der Jobsuchmaschinen auf der Basis des “CPC”-Modells (Cost-per-Click). Durch die Bezahlung einer CPC-Gebühr können die Inserenten von Stellenanzeigen (Arbeitgeber, Personalvermittler, Jobbörsen) ihre Positionierung in den Trefferlisten der Jobsuchmaschine verbessern und eine größere Traffic-Resonanz ihrer publizierten Stellenanzeigen erzielen.

  1. Warum kauft Deiner Meinung nach ein Social Business Netzwerk wie Xing eine Jobsuchmaschine wie ICJobs/Jobbörse.com?

Xing operiert im deutschsprachigen B2B2C-Geschäft und muss deshalb ein komplexes und schwieriges Geschäftsmodell umsetzen. Das erinnert ein wenig an die Quadratur des Kreises, aber ohne Zirkel und Zentimetermaß. Einerseits müssen auf der Mitgliederseite ständig neue Mehrwerte in Form von Funktionen, Informationen und Daten geboten werden, andererseits besteht ein signifikanter Monetarisierungsdruck, Firmen den Zugang zur Mitgliederbasis zu verschaffen. Recruiting spielt hier eine entscheidende Rolle im Erlös-Mix. Hinzu kommt ein erheblicher Wettbewerbsdruck von Portalen mit ähnlichen B2B2C-Geschäftsmodellen, wie z.B.
Experteer, Placement24, internationalen Konkurrenten wie LinkedIn oder aktuell Glassdoor. Vor diesem Hintergrund hat XING Handlungsbedarf, setzt auf eigene Produktentwicklung wie z.B. den Xing Talent Manager oder kompletten Übernahmen wie das Arbeitgeberportal kununu oder jetzt die Jobsuchmaschine Jobbörse.com.

  1. Du kennst ja Torsten Heissler von ICJobs/Jobbörse.com auch persönlich. Was glaubst Du, warum hat er verkauft?

Torsten Heissler verkörpert in meinen Augen den klassischen Internet-Startup-Entrepreneur, der mit hohen analytischen Fähigkeiten die „Rädchen des Markts“ erkennt und versteht, wie diese angetrieben werden. Die Xing-Übernahme spült nicht nur anfänglich 6.3 Millionen Euro auf sein Bankkonto, sie verschafft ihm auch die Chance, seine Ideen und Konzepte mit einem kapitalkräftigen Eigner im Rücken weiter voran zu treiben. Im Gegensatz zu den Poreda-Brüdern , die kununu in Wien gründeten und aufbauten und nach der Xing-Übernahme sich vermeintlich vorwiegend auf ihr Wellenreiten-Hobby konzentrieren, dürfte Heissler eher den Typus eines „Serial Internet-Entrepreneur“ verkörpern und Jobbörse.com weiter entwickeln oder sich in einigen Jahren anderen Internet-Projekten zuwenden.

  1. Warum glaubst Du, hat sich Xing für ICJobs/Jobbörse.com und gegen andere Anbieter wie z.B. kimeta entschieden?

Bei solchen Übernahmen wird natürlich der Markt vorab sondiert und geprüft, welche guten Kandidaten vorhanden und auch verkaufsbereit sind. Kimeta ist nach unterschiedlichen Kriterien durchaus als derzeitiger Platzhirsch unter den Jobsuchmaschinen anzusehen, aber Eigner, Kapitalgeber und das Management waren vermutlich nicht verkaufsbereit. Aber das ist nur eine persönliche Einschätzung, die wirklichen Hintergründe kenne ich nicht – und sie werden sicherlich nicht offen gelegt.

  1. Was glaubst Du, hat Xing mit ICJobs/Jobbörse.com vor und vor allem, wie meinst Du wird die Suchtechnology von ICJobs/Jobbörse.com bei Xing eingesetzt werden können?

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Zahlen. Im Xing-Stellenmarkt finden Mitglieder derzeit 8.200 Stellenangebote – Jobbörse.com hingegen liefert schlagartig über 2.5 Millionen Stellenangebote. Der Xing-Stellenmarkt bietet auch die Option, nicht nur nach bestimmten Tätigkeiten im Umkreis eines bestimmten Ortes zu suchen, Mitglieder können auch nach „Empfehlungen von Xing“ suchen, die augenscheinlich eine hohe persönliche Relevanz vermitteln. Auf meine eigene Stellensuche mit dem bei Xing hinterlegten Profil erhielt ich nur die lapidare Antwort „Wir haben leider keine Jobs für Ihre Suchkriterien gefunden“. Ich muss zugeben, mein Xing-Profil ist überhaupt nicht aussagekräftig – ich selbst würde mich daraufhin auch nicht zu einem Jobinterview einladen.

Allerdings liefert eine Suchanfrage bei Jobbörse.com für „Publisher Internet-Karriere-Portal“ ebenfalls keine Treffer, trotz der hohen Basis von 2.5 Millionen Stellenanzeigen.

Der Kern der Suchtechnologie ist im wesentlichen ein intelligenter Crawler, der das WWW nach Stellenanzeigen durchsucht. Eine solche Crawler-Technologie ist als „Off-the-Shelf“-Lösung von Anbietern wie Actonomy oder von Textkernel verfügbar oder kann durchaus auch selbst entwickelt werden, wie die smarten Gründer von truffls.de aus Berlin bewiesen haben. Oder man kauft die komplette Firma, wie es jetzt mit Jobbörse.com geschehen ist.

Die Crawling-Technologie funktioniert prima als „digitaler Staubsauger von Stellenanzeigen“, aber die entscheidende Komponente ist (noch) nicht vorhanden: Die Matching-Technologie, also das intelligente Zusammenführen von Mitgliederprofilen mit den Stellenangeboten . Diese Hausaufgabe dürfte eine hohe Priorität haben.

 

  1. Linkedin hat sich ja bereits vor einiger Zeit eine ähnliche Technologie zugelegt. Wird das zu einem „Sterben“ der Jobsuchmaschinen führen, wenn Social Business Netzwerke diese Funktion integrieren?

Der Jobportal-Markt befindet sich in einer Metamorphose: Die Jobsuchmaschine iCjobs.de nennt sich seit kurzem Jobbörse.com, Kimeta intensiviert die direkte Akquise von Stellenanzeigen, Monster hat sich der neuen Unternehmensstrategie zufolge als „Job-Aggregator“ positioniert, der Social Media Gigant Facebook hat unter der Flagge „Social Jobs Partnership“ ein Jobportal als Fata Morgana entwickelt (siehe auch http://crosswater-job-guide.com/archives/30644). Was wurde nicht alles vorausgesagt: Der Tod der Jobbörsen, das Sterben der Jobsuchmaschinen, die Implosion des Social Media Recruiting. Auf dem Friedhof der Karriere-Portale ruhen einige Betreiber, die still und heimlich ihre Pforten geschlossen haben, Zombies erschrecken als Untote ihre Besucher. Der Markt der Job-Portale dreht sich – gelegentlich auch um sich selbst.

 

  1. Welche Folgen hat diese Übernahme für Bewerber und Kandidaten?

Stellensuchende Xing-Mitglieder können sich kurzfristig über eine Steigerung der Stellenangebote von derzeit 8.200 auf über 2.5 Millionen Stellenanzeigen freuen. Entscheidend wird jedoch sein, wie „Klasse statt Masse“ umgesetzt wird. Konkret geht es darum, die hohe Zahl der Stellenangebote mit den spezialisierten und detaillierten Mitgliederprofilen zu matchen. Ob das über Direkt-Ansprache / Active Sourcing, Job-Alerts oder eine andere Kommunikationsschiene passiert, bleibt abzuwarten.

 

  1. Wie wird sich der Arbeitsmarkt ändern?

Die Xing-Übernahme einer Jobsuchmaschine ändert die grundlegenden Trends am Arbeitsmarkt überhaupt nicht. Hier sind Faktoren wie Demografiewandel, Globalisierung, Migration oder der vermeintliche oder tatsächliche Fachkräftemangel entscheidend. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass der rasante Technologiefortschritt auch den HR-Sektor nachhaltig beeinflusst und das Recruiting eigentlich immer schneller und komplexer macht – solange, bis agile und mobile Bewerber auf „Beharrungsinseln“ in Form von konservativen, langsam reagierende Recruiter treffen.

  1. Wie wird es Deiner Meinung nach weitergehen, werden wir ähnlich spektakuläre Übernahmen sehen? Und falls ja, wer wird wen kaufen?

Übernahmen, Relaunchs oder Markteintritte internationaler Player halten den Markt in Bewegung und schaffen neue Wettbewerbskonstellationen. Wer wird wen kaufen? Die Vermutungen überlasse ich gerne anderen HR-Bloggern, ich selbst hänge meine vertraulichen Informationen nicht an die große Glocke des Turms der Gerüchtekirche.